Recycled Words

Mein Vater, der Super-Nerd

Ich hatte ja bereits angedeutet, dass der Beginn meiner Digital-Karriere nicht erst mit dem PC in den 90'ern, sondern mit einem legendären DDR-Eigenbau begann. Der Auslöser für diesen Flashback zu meinen ersten digitalen Gehversuchen war dieses Video, über das ich neulich gestolpert bin. Es zeigt die BSS 01, die einzige Spielekonsole der DDR.

So ein Teil hatten wir nicht, aber irgendwann zwischen 1986 und 1987 hat mein Vater einen Computer zu Hause aufgestellt. In meiner Erinnerung hat er den komplett selbst zusammengebaut, was für einen Amateurcomputer 1 (AC1) gesprochen hätte. Er selbst weiß zwar nicht mehr, was das genau für ein Computer war, ist sich aber sicher, dass er "nur" eine Hülle samt Tastatur um den Rechner gebaut und den RAM auf der Platine erweitert hat. Damit dürfte der legendäre Robotron Z 1013 der allererste Computer gewesen sein, den meine Hände je berührt haben.

Ein Robotron Z 1013 mit schwarzen und grauen Tasten, die eine QWERTZ-Anordnung aufweist. Der Rahmen ist silberfarben und die Tastatur hat eine kompakte Bauweise. Foto: Z1013-Rene, Wikipedia

Der Rechner war im Grunde eine rund 5 cm hohe Tastatur aus grau gestrichenem Plexiglas, unter dessen Haube sich die Platine befand. Das Ganze hat dann so ähnlich wie das Modell auf dem Foto ausgesehen. Über einen eingebauten HF-Modulator und ein ganz normales Koaxial-Antennenkabel kam das Bild dann, zugegeben etwas matschig, auf unserem Debüt-VT Schwarz-Weiß-Fernseher an.

Ein Schwarz-Weiß-Fernseher aus der DDR mit Holzgehäuse, der ein schwarz-weißes Kinderprogramm zeigt. Im Hintergrund sind dekorative Pflanzen und ein roter Vorhang sichtbar. Foto: xy-maps, radio-bastler.de

Dieses Teil war jedenfalls das Highlight bei mir und meinen Freunden. Ich erinnere mich an etliche Sessions, in denen eine Handvoll Knirpse gebannt vor dem Fernseher saßen und darauf warteten, dass das Laden von der Datasette im RFT 160 Stern-Radiorecorder erfolgreich war.

Der DDR Radio-Recorder Holzstern R160 aus Holz mit einer perforierten Front, einer Kassettenschublade auf der linken Seite und einem analogen Tuner-Bereich mit verschiedenen Reglern und Knöpfen an der Oberseite. Es gibt auch eine Antenne auf der rechten Seite. Foto: Wossi1991, Wikipedia

Das Laden eines Spiels war dabei ein heiliges Ritual. Da jede Erschütterung den Ladevorgang stören konnte, herrschte striktes Rede- und Bewegungsverbot. Wenn alles geklappt hat, gab es Spiele wie diese zu bestaunen.

Ich weiß jedenfalls noch ganz genau, wie ich gespannt vor dem Bildschirm saß und beim Anblick der Pixelhaufen zu mir selbst sagte, dass das alles so grandios war und es vermutlich niemals etwas geben würde, das realistischer ist. Ich war halt noch sehr jung.

Online-Emulator

Hier gibt es übrigens einen Emulator, mit dem man über 180 Computerpiele die in der DDR zu dieser Zeit entwickelt wurden, online spielen kann. Der Emulator ist zwar für den KC85, aber die Spiele sind vergleichbar.

Noch mehr Wissen rund um die Computertechnik der DDR und was Jugendliche im Osten so gezockt haben, während im Westen der C64 seinen Siegeszug gefeiert hat, gibt es in diesem 3-stündigen Podcast.

Doch der Computer war nur die Spitze des Eisbergs. Als Elektroingenieur hatte mein Vater schon zu DDR-Zeiten eine Leidenschaft für alle möglichen und unmöglichen Projekte. In der Mangelwirtschaft war Kreativität die härteste Währung, und mein Vater war darin ein Großmeister.

Ich erinnere mich zum Beispiel, dass er mal einen Sarg als Spardose gebastelt hat. Wenn man eine Münze auf die beiden Kontakte legte, wurde der Stromkreis geschlossen, eine Skeletthand kam aus dem Sarg und zerrte das Geldstück ins Innere. Für mich als Kind war das reine Magie.

Ein weiteres Unikat aus seiner Werkstatt war die Melodieklingel. Eine schuhkartongroße Holzkiste, die an den Klingeldraht angeschlossen wurde und bei jedem Druck auf den Klingelknopf eine andere Melodie abspielte. Von "Das Wandern ist des Müllers Lust" bis zu "Alle Vögel sind schon da", wir hatten das volle Programm.

Eine solche Klingel hatte sonst niemand, und auch wenn die Klingel manchmal genervt hat, weil einige Melodien wirklich übertrieben lang geklingelt haben, und die Technik gelegentlich auch abstürzte, ich habe das als Kind absolut gefeiert. Jeder neue Besucher musste sich von mir erst einmal unsere Klingel vorführen lassen. Ich glaube zwar nicht, dass mein Marketingtalent damals viele Aufträge generiert hat, aber mein Vater hat diese Melodieklingeln tatsächlich auch als Auftragsarbeit angefertigt und damit unsere Familienkasse aufgefüllt.

Das Killerfeature der Klingel war übrigens der Ein- und Ausschalter. Damit konnte musste man die Klingel nicht nur ab und an neu starten, sondern konnte sie auch während eines Klingelstreiches lautlos stellen.


Auch wenn mein Vater das heute bescheiden als bloße Bastelei abtut, für mich ist er der erste echte Nerd, lange bevor das Wort überhaupt cool war. Ohne seine Leidenschaft Dinge spielerisch zu verstehen und etwas aus dem Nichts zu erschaffen, und ohne diesen Geruch von Lötzinn in der Luft, wäre mein Weg in die digitale Welt sicher anders verlaufen. Er hat den Grundstein dafür gelegt, wer ich heute bin.

Deshalb an dieser Stelle einfach mal Danke, Papa!

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