Vorwürfe fürs neue Jahr
Heute früh bin ich mit zwei Dingen in meinem Kopf aufgewacht. Das eine waren monströse Kopfschmerzen, und das ganz und gar ohne einen einzigen Tropfen Alkohol, den ich sowieso so gut wie nie trinke.
Das zweite, das mir noch im Bett liegend im dröhnenden Kopf umherschwirrte, war die Frage, welche Vorwürfe (sic!) ich mir fürs neue Jahr vornehme. Das war aus zweierlei Hinsicht ziemlich bemerkenswert.
Erstens hat mein Hirn sensationelle 3 Minuten gebraucht, um zu realisieren, dass es Vorsätze sind, die man sich für das neue Jahr vornimmt. Erst kurz bevor ich googeln wollte, wieso sich das so komisch anfühlt, gab es den Aha-Moment.
Und zweitens habe ich mir noch nie irgendwas aus Vorsätzen fürs neue Jahr gemacht. Meine Frau sagt mir zwar hin und wieder, dass mir das durchaus gut tun würde, aber ich habe da wohl eine gewisse Egalheit, was Wünsche für das neue Jahr angeht. Ich bin außerdem felsenfest davon überzeugt, dass es keinen festen Tag braucht, um etwas in seinem Leben zu ändern. Wenn dich etwas stört, ändere es. Es gibt nie einen besseren Moment als genau jetzt.
Yesterday is history. Tomorrow is a mystery. Today is a gift — that’s why it’s called »the present«.
Alice Morse Earle
Diesem Motto folgend, habe ich kurz vor dem Mittagessen dann den 14-Jährigen geweckt und ihm den Auftrag geschenkt, die Straße zu fegen. Wer Böllern kann, kann schließlich auch aufräumen. Das war schon zu meiner Jugendzeit ein unverrückbares Prinzip.
Ich würde ja gern den Moralapostel spielen (ich habe es auch wirklich versucht) und ihm diese Böllerei ausreden. Aber wenn ich mich an meine wilden Jahre zurückerinnere, bin ich wohl der letzte Mensch, der in dieser Hinsicht irgendwelche Belehrungen aussprechen sollte.
Neben all den anderen Gründen warum Böller Kacke sind, hat meine Apple Watch noch einen weiteren dokumentiert.

Immerhin hat der Sohnemann die Straße dann wirklich sehr weiträumig und gründlich aufgeräumt.

Und während er die Straße gefegt hat, habe ich in meditativer Ruhe den Geschirrspüler ausgeräumt und über die Gespräche mit unseren syrischen Nachbarn auf der Straße reflektiert. Aus jeweils individuellen Gründen hat jeder auf Alkohol verzichtet, weshalb wir um Mitternacht mit Bitter Tonic in Pappbechern angestoßen und sehr viel über das Leben in Syrien und Deutschland geredet haben. Es gab dabei ein mildes Lächeln über den zündelnden Sohn und die Versicherung, dass das in Syrien auch genauso sei und sie früher selbst oft das gesamte Taschengeld am Jahresende angezündet haben. Auch in dieser Hinsicht sehe ich noch weitere Parallelen, hust.
Naja, jedenfalls ist mir beim Ausräumen des Geschirrspülers dann unsere vorletzte Espresso-Tasse zerbrochen.

Scherben bringen ja bekanntlich Glück, aber weiß zufällig jemand ob das genug Scherben sind oder muss ich da nochmal ran? Es scheint dann auf jeden Fall 2026 erstmal keinen weniger Espresso zu geben.