Das hier ist ein Nachholartikel über ein eigentlich viel zu volles Wochenende.

Am Freitag ging es für den Sohnemann und mich nach Thüringen. Anlass war der 120. Geburtstag meiner Tante und meines Onkels. Natürlich ist keiner von beiden 120 geworden. Auch hatte keiner von ihnen an diesem Wochenende Geburtstag. Vielmehr wurden der eine 60. Geburtstag nach- und der andere vorgefeiert. Oder einfacher gesagt: Es gab eine große Sommerparty mit der erweiterten Familie.

Die beiden Damen des Hauses waren aus Gründen verhindert, also machten wir uns zu zweit auf den Weg in meine alte Heimat. Und weil der 14-Jährige an diesem Wochenende selbst zum 15-Jährigen wurde, hatte ich rund um die Familienfeier noch ein kleines Begleitprogramm gebaut.

Unsere Homebase für zwei Nächte war eine Ferienwohnung im wunderschönen thüringischen Mühlhausen. Eigentlich hatte ich die vielleicht etwas verträumte Vorstellung, meinem Sohn am Morgen nach dem 120. Geburtstag ein wenig von der mittelalterlichen Stadt zu zeigen. Mein Sohn hatte ebenfalls verträumte Vorstellungen, im Bett. Also zog ich alleine los, um das Städtchen in aller Frühe ganz ohne Passanten und Touristen zu erkunden.

Fachwerkhäuser in einer sonnigen Altstadtgasse, davor eine Laterne mit üppigem rosa Blumenschmuck. Die Ladengeschäfte im Erdgeschoss sind geöffnet, die Straße ist ruhig und menschenleer.

Historischer Platz in Mühlhausen mit Kopfsteinpflaster, gelbem Gebäude und roten Dächern im warmen Morgenlicht. Im Vordergrund spiegelt sich die Häuserzeile in einem kleinen runden Wasserbecken neben einer steinernen Säule.

Gotisches Kirchenportal mit reich verzierten Steinbögen, Figuren und einer dunklen zweiflügeligen Tür. Davor führen mehrere breite Stufen zum Eingang hinauf.

Kopfsteingasse in Mühlhausen mit historischen Fachwerkhäusern, Blumenkästen und einer begrünten Fassade. Links führt ein Torbogen in eine schmale Seitengasse.

Historisches Portal mit brauner Holztür, rot-grüner Steinverzierung und lateinischer Inschrift an einer hellen Fassade in Mühlhausen.

Schmaler Wasserlauf zwischen alten Fachwerk- und Steinmauern in der Mühlhäuser Altstadt. Sonnenlicht fällt durch die Bäume und spiegelt sich im Wasser.

Mittelalterliches Stadttor aus hellem Stein mit Rundbogen und Türmen in Mühlhausen, davor Kopfsteinpflaster und Fachwerkhäuser bei klarem blauem Himmel.

Mittags waren wir bei meinem Vater, um den Geburtstag seines Enkelkindes gebührend zu feiern. Nach dem obligatorischen Käsekuchen ging es dann in den Kletterwald. Bei Temperaturen, bei denen schon normales Herumlaufen als körperliche Betätigung durchgeht, war das trotz reichlich Schatten eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit. Aber eben auch eine ziemlich gute. Fotos gibt es von diesem Abenteuer nicht so viele, weil alle drei Generationen meist gleichzeitig in den Baumwipfeln unterwegs waren.

Zwei Personen klettern in einem Hochseilgarten über eine schmale Hängebrücke zwischen Bäumen. Sonnenlicht fällt durch das dichte grüne Blätterdach.

Person auf einer Plattform im Kletterwald, gesichert mit Gurt und Helm, zwischen hohen Bäumen. Im Vordergrund hängen Seile und schwarze Trittbretter eines Parcours im grünen Blätterdach.

Den Abend ließen wir beim Italiener ausklingen, bevor wir ziemlich erledigt in unsere Betten fielen.

Am Sonntag stand die Rückfahrt nach München an. Mehr als 400 Kilometer, was selbstverständlich kein Grund ist, nicht noch ein paar Umwege einzubauen. Der erste hat uns noch in Mühlhausen zum Bratwurstmuseum geführt. Dort gab es einiges über die Geschichte der Thüringer Rostbratwurst zu lernen. Wichtiger war allerdings, dass man bereits vor 11 Uhr eine essen konnte.

Beim Rundgang durch das Museum kamen außerdem ziemlich viele Erinnerungen zurück. Ich war als Kind selbst bei einigen Hausschlachtungen dabei. Vom Moment, in dem das Schwein nach dem Bolzenschuss auf den Boden fiel, bis zu dem Moment, in dem mein Cousin und ich später mit den frischen Fleisch- und Wurstwaren durch den Ort zogen und sie bei Familie und Freunden ablieferten. Alles wieder da bis zur Erinnerung, wie wir nach getaner Arbeit, zufrieden an unseren Vita Cola und Mandora nuckelten.

Ausstellungsraum im Bratwurstmuseum mit einem aufgehängten, aufgeschnittenen Schwein als Modell und historischen Werkzeugen, Töpfen und Flaschen darum herum.

Ausstellung im Bratwurstmuseum mit historischen Geräten, Holzfässern, einer Wurstpresse und einer mit Papier ausgelegten Wanne. An den Wänden hängen Werkzeuge, alte Schilder, hölzerne Wurstmodelle und eine große historische Grafik.

Zwei geöffnete Glasflaschen mit Cola und Orangenlimonade stehen mit blau-weiß gestreiften Strohhalmen auf einem Tisch. Im Hintergrund sind unscharf Sitzplätze und Menschen unter einem Zeltdach zu sehen.

Wir hätten noch länger bleiben können. Offenbar waren wir ausgerechnet zum 3. Jahrestag des Museums dort und für später war sogar Bratwurstprominenz angekündigt. Aber München lag immer noch über 400 Kilometer entfernt. Also ging es weiter, zumindest erstmal bis zum Inselsberg. Dort, so meine hervorragende Idee, sollte es ein paar Mal auf der 1 Kilometer langen Sommerrodelbahn bergab gehen.

Die erste Fahrt war gut, aber die zweite sollte schneller werden. Nach dem Versuch, einen persönlichen Streckenrekord aufzustellen, war ich um ein paar Schürfwunden reicher und kurz davor gewesen, die Rodelbahn auf einem nicht vorgesehenen Weg zu verlassen. Ich entschied, dass zwei Fahrten für einen Mann meines Alters eine vollkommen vernünftige Anzahl sind, überließ dem Sohnemann die restlichen Tickets und widmete mich der Suche nach dem nächsten Bratwurststand.

Blick aus einer Sommerrodelbahn: Zwischen den eigenen Beinen verläuft die Schiene durch einen dicht bewaldeten, schattigen Wald.

Die letzte Bratwurst des Kurzurlaubs gab es schließlich, wie so oft, an der Wegscheide. Und dieses eine Foto muss stellvertretend für all die Thüringer Bratwürste reichen, die an diesem Wochenende den deutlich würdevolleren Weg genommen haben, direkt gegessen zu werden.

Eine Hand hält eine Bratwurst im Brötchen mit Senf über einem Holztisch. Im Hintergrund liegen eine Serviette, eine Papiertüte und eine Flasche.

Jetzt sitze ich 3 Tage später hier und schreibe das alles auf. Die Schürfwunden an den Armen erinnern mich an den kurzen Aufreger wo sich der Plastikschlitten dramatisch aufgeschaukelt hat und mein schmerzendes Steißbein gibt mir zu verstehen, dass zwei Kilometer auf einem harten Plastikschlitten mittlerweile eine eher unangemessene Form der Freizeitgestaltung für mich sind.

Alles egal. In ein paar Tagen ist das alles wieder weg. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ein ziemlich großartiges Wochenende mit meinem Sohn, meiner Familie, Thüringen, viel zu viel Bratwurst und ein paar Geschichten, die man später gerne erzählt.