Der 14-Jährige wollte ein Moped. Ich konnte das verstehen. Schließlich hatte ich als Jugendlicher selbst eins.

Als DDR-Kind hatte ich natürlich eine Simson S51, auch wenn die Zeit, als ich mit diesem Kult-Teil herumgefahren bin, schon nach der Wende lag. Ich war damals wahnsinnig stolz auf mein Moped, das ich zusammen mit meinem Onkel, der dieselbe S51 schon in seiner Jugend gefahren hat, in den Sommerferien um meinen 16. Geburtstag herum aufbereitet habe. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie wir jedes einzelne Teil gesandstrahlt und neu lackiert haben.

Danach hat die vorher grüne S51 nicht nur in Sonnengelb und Blau gestrahlt, sondern hatte auch ein Cross-Schutzblech und einen hochgelegten Auspuff. Was man sich als Jugendlicher halt so alles einbildet. Und zumindest in dieser Hinsicht scheint der heutige Geschmack gar nicht so weit von meinem damaligen entfernt zu sein. Der 15-Jährige kommt jedenfalls aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus, wenn er das Moped seines Vaters sieht.

Gelbe Simson im Gelände-Look mit blauem Seitenteil, hochgelegtem Auspuff und schwarzer Sitzbank auf einer blühenden Wiese.

Das Foto hat ChatGPT aus meiner Erinnerung rekonstruiert. Vor lauter Liebe, Schrauberei und permanentem Rumgedüse habe ich damals anscheinend vergessen, auch nur ein einziges Foto von meinem Moped zu machen. Und auch wenn der Look danach aussieht, Offroad bin ich damit trotz der überzeugenden Optik nie gefahren, also abgesehen von ein paar Feldwegen, um zum Baggersee zu kommen.

Eine weniger schöne Seite der S51 war, dass beinahe wöchentliches Schrauben zum Pflichtprogramm gehörte, wenn man einigermaßen unkompliziert unterwegs sein wollte. Aber auch die regelmäßige Wartung des Gefährts hat einen am Ende nicht vollständig davor bewahrt, ab und an von der an sich robusten Ost-Technik im Stich gelassen zu werden. Dafür hatte jeder Simson-Fahrer immer Werkzeug dabei, mit dem man der simplen Technik im Fall der Fälle auf die Sprünge helfen konnte.

Leider wurde mir mein geliebtes Moped nach etwas über 2 Jahren in meinem Besitz geklaut und Monate später habe ich nur noch den Rahmen zurückbekommen. Damit war mein Simson-Kapitel, wie ich annahm, für immer beendet.


30 Jahre später wollte der bald schon 15-Jährige nun ein Moped und auch nicht irgendeines, sondern eine Simson bitteschön, weil die ganz offiziell 60 km/h fahren dürfen. Zuerst war ich echt stolz auf ihn. Dann versuchte ich allerdings ziemlich schnell, ihn davon abzubringen.

Nicht nur, dass diese Ost-Mopeds vollkommen overhyped und dementsprechend teuer und Diebstahl-gefährdet sind, nein sie sind auch mindestens 30, gern 40 oder auch 50 Jahre alt und dementsprechend anfällig. Ehrlicherweise waren die Mopeds schon früher alles andere als zuverlässig, aber durch die simple Technik im Grunde von jedermann leicht zu reparieren. Und das war leider häufiger notwendig als man in seiner leicht verblendeten Ostalgie vielleicht wahrhaben will. Im Osten gab es kaum eine ernsthafte Alternative, und genau deshalb fuhr gefühlt jeder so ein Teil, nicht, weil es damals schon ein Kultobjekt war.

Wenn man nicht den unbedingten Willen hat, sich mit dieser Steinzeittechnologie zu beschäftigen und regelmäßig ölige Hände zu haben, sollte man es lassen. Der Sohn war bereit dazu und auch nicht davon abzubringen. Lediglich die über 3.000 Euro für eine S51 wollte er nicht ausgeben, weshalb er sich für einen Simson SR50 entschieden hat. Die Bezeichnung SR steht für Stadtroller. Das Modell war im Grunde der Nachfolger der erfolgreichen, bis heute ikonischen Simson Schwalbe.

Eine weiß-schwarzes Simson SR50 mit langem schwarzen Sitz steht auf einem Gehweg vor einer hellen Hauswand. Teile wirken abgenutzt, am Lenker und den Rädern sind Gebrauchsspuren zu sehen.

Eine Simson SR50 steht schräg auf einem gepflasterten Gehweg vor einer Hauswand. Vorn sind runder Scheinwerfer, orange Blinker, Spiegel und die beigefarbene Verkleidung gut zu sehen.

Diesen haben wir vor einigen Monaten im Schneeregen geholt und seitdem immer wieder hier und da daran geschraubt. Denn selbst wenn wir nur kurze Probefahrten gemacht haben, gab es immer etwas zu reparieren oder neu einzustellen.

Dass es an einer Simson immer etwas zu schrauben geben würde, hatte ich dem 14-Jährigen schon seit Monaten gepredigt. Und auch ausnahmslos alle Verkäufer, deren Mopeds wir uns angeschaut hatten, bliesen ins gleiche Horn. Mit deutlich warnendem Unterton machten sie klar, wie viel Zeit sie selbst mit Reparaturen und Wartung verbrachten. In zwei von vier Fällen musste sogar die Probefahrt abgebrochen werden, weil die jeweilige Simson schlicht bockte.

Egal. Der 14-Jährige war sich sicher, dass er das hinbekommen würde. Also verbrachten wir viele Stunden in der Garage und gaben unser Bestes, den Roller fit zu machen. Richtig rund lief er allerdings nie, und mein Frustpegel stieg und stieg.

Mehrfach legte ich meinem Sohn nahe, sich doch bitte einen modernen Roller zu holen, einen, auf den man sich einfach nur setzt und mit dem man zuverlässig losfahren kann. Diese fortlaufenden Botschaften und sein eigenes Eingeständnis, dass selbst mit YouTube-Tutorials in der Realität vieles komplizierter ist, zeigten irgendwann Wirkung. Damit war die Entscheidung gefallen, die Simson endlich zu verkaufen.

Heute Gestern hat ein netter Herr, nach eigener Aussage überzeugter Simson-Fan (und das, ohne jemals im Osten gelebt zu haben), den SR50 überglücklich abgeholt. Damit ist das Kapitel Simson hoffentlich endgültig abgeschlossen.

Wobei das vermutlich nicht ganz stimmt. Denn während ich froh bin, dass der Roller weg ist, genügt schon eine Serie über acht Thüringer auf ihren DDR-Mopeds, und die alte Begeisterung ist sofort wieder da.

Screenshot einer Streaming-Seite mit der Serie „Simson Roadtrip“: Mehrere Personen fahren auf Mopeds über eine Straße, darunter verschiedene Simson-Modelle.

In der sehr sehenswerten 4-teiligen ZDF-Serie, die wohl jedem Moped-Fahrer das Herz aufgehen lässt, fahren 8 Freunde aus Niederbösa in Thüringen auf ihren DDR-Böcken nach Belgien. Ihr Ziel ist einmal mit den Mopeds über die berühmte Formel-1-Rennstrecke in Spa zu fahren.

1.528 Kilometer, jede Menge Pannen und mindestens ebenso viel Fahrspaß. Wem es dabei nicht in der rechten Hand juckt, dem ist auch nicht mehr zu helfen.